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Burg Reifenstein auf alten Ansichtskarten

Die Haselburg mit Bozen und Gries 1908

Burg Reifenstein – fast 1.000 Jahre Geschichte über dem Wipptal


Es gibt Burgen, von denen nur noch ein Turm oder ein paar Mauern stehen. Und dann gibt es Burg Reifenstein bei Sterzing. Wer sich der mächtigen Anlage auf dem felsigen Hügel bei Elzenbaum nähert, kann sich noch heute sehr gut vorstellen, wie eine mittelalterliche Burg ausgesehen haben muss.


Reifenstein, auch Castel Tasso genannt, zählt zu den ältesten, besterhaltenen und kunsthistorisch bedeutendsten Burgen Südtirols. Ihre Geschichte beginnt zudem früher, als man auf den ersten Blick vermuten würde.


Ihre Anfänge reichen bis ins 11. Jahrhundert zurück.


Burg Reifenstein wird erstmals im Jahr 1110 urkundlich erwähnt. Mauerreste im Süden des Burghügels lassen jedoch vermuten, dass bereits im 11. Jahrhundert eine erste Befestigung entstanden sein könnte. Sie wurde von den Bischöfen von Brixen errichtet.


Der Platz war hervorragend gewählt. Das Wipptal gehörte seit jeher zu den wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen über die Alpen. Wer hier Macht ausüben wollte, musste auch die Wege durch das Tal im Blick behalten. Reifenstein war deshalb weit mehr als ein standesgemäßer Wohnsitz: Die Burg sollte die Verkehrsverbindung kontrollieren und schützen und diente zugleich als Verwaltungszentrum für die Besitzungen des Bischofs von Brixen im Wipptal.


Im 12. Jahrhundert entstand der mächtige Bergfried. Im Gegensatz zu vielen Burgtürmen war er nicht in erster Linie als komfortabler Wohnraum, sondern vor allem als Wehrturm konzipiert: massiv, zweckmäßig und darauf ausgelegt, Schutz zu bieten.


Aus der Bischofsburg wurde eine Tiroler Burg.


Bereits im Jahr 1209/1210 gelangte Reifenstein an Graf Albert III. von Tirol und wurde damit landesfürstlicher Besitz. Im 13. und 14. Jahrhundert veränderte sich die Anlage deutlich. Es entstand ein großer Wohnturm, es wurden eine Küche und weitere Gebäude hinzugefügt und eine schützende Ringmauer schloss die Burg immer stärker nach außen ab.


Die Tiroler Landesfürsten verwalteten Reifenstein nicht immer selbst, sondern vergaben die Burg als Lehen. Zu den letzten Lehensinhabern gehörten die Herren von Säben. Mit dem Tod Oswalds von Säben im Jahr 1465 erlosch dieses Geschlecht – und wenige Jahre später begann für Reifenstein eine Epoche, die das Aussehen der Burg bis heute entscheidend prägen sollte.

Die Haselburg cirka 1920

Der Deutsche Orden und die große Zeit Reifensteins


Im Jahr 1470 verkaufte Herzog Sigmund der Münzreiche die Burg Reifenstein an den Deutschen Orden. Dieser besaß bereits eine Kommende in Sterzing und erhielt mit Reifenstein nun einen beeindruckenden, befestigten Sitz in unmittelbarer Nähe.


Für die Burg war das ein Glücksfall.


Der Deutsche Orden beschränkte sich nicht darauf, die vorhandenen Mauern zu nutzen. Reifenstein wurde erweitert und im Inneren mit bemerkenswerter Qualität ausgestattet. So entstanden beziehungsweise wurden ausgestaltet der Neue Palas, das Kapitelzimmer und vor allem der berühmte Grüne Saal. Noch heute zählen diese spätgotischen Räume zu den Besonderheiten der Burg.


Um 1580 wurden die letzten größeren baulichen Ergänzungen an der Wehranlage vorgenommen. Eine rund 150 Meter lange Wehrmauer schützte die Burg im Süden, während im Norden eine mächtige Vorburg entstand. Danach änderte sich erstaunlich wenig.


Und genau darin liegt ein Teil des Geheimnisses von Reifenstein.


Anders als bei anderen Burgen, die in späteren Jahrhunderten zu Schlössern umgebaut, dem jeweiligen Zeitgeschmack angepasst, verlassen oder zerstört wurden, blieb Reifenstein in großen Teilen so, wie es war. Der Deutsche Orden besaß die Burg fast dreieinhalb Jahrhunderte und ließ sie durch sogenannte Pfleger verwalten, führte aber keine tiefgreifenden Umbauten mehr durch. Dadurch blieb ungewöhnlich viel mittelalterliche Bausubstanz erhalten


Warum wirkt Reifenstein heute noch so ursprünglich?


Das vielleicht größte Glück in der Geschichte von Burg Reifenstein war, dass irgendwann niemand mehr versuchte, sie dem Geschmack einer neuen Zeit anzupassen. Seit dem späten 16. Jahrhundert wurden nur wenige tiefgreifende Umbauten vorgenommen. Während viele andere Burgen zu repräsentativen Schlössern umgebaut, verfielen oder später romantisierend wiederaufgebaut wurden, bewahrte Reifenstein einen erstaunlich großen Teil seiner mittelalterlichen Substanz.


Was wir heute sehen, ist deshalb keine nachgebaute Ritterburg. Es ist eine Burg, die ihre eigene Vergangenheit über Jahrhunderte hinweg bewahrt hat..

Eine Burg, in der das Mittelalter noch Raum hat.


Wer Reifenstein heute betritt, findet deshalb nicht nur Mauern und leere Säle.


Erhalten sind unter anderem die alte Burgküche, eine Badestube, mittelalterliche Schlafkojen, getäfelte Stuben und Wohnräume. Besonders beeindruckend ist der Grüne Saal mit seiner spätgotischen Ausstattung. Auch das gotische Kapellengitter zählt zu den außergewöhnlichen Details der Anlage. Der Grüne Saal wurde 2013 restauriert.


Gerade diese kleinen Dinge machen Reifenstein so lebendig. Man sieht nicht nur, wie eine Burg verteidigt wurde, sondern bekommt auch eine Vorstellung davon, wie die Menschen hier wohnten, schliefen, kochten und ihren Alltag verbrachten.


Und plötzlich wird das Mittelalter zu etwas Greifbarem.


Napoleon beendete die Zeit des Deutschen Ordens.


Nach mehr als drei Jahrhunderten kam der große Einschnitt.


Im Zuge der napoleonischen Herrschaft wurde der Deutsche Orden 1809 in den betreffenden Gebieten aufgehoben. Vier Jahre später, im Jahr 1813, übertrug die damalige bayerische Regierung Burg Reifenstein an Alexander Graf Thurn und Taxis. Die Übergabe erfolgte als Entschädigung für das eingezogene Postregal der Familie.


Damit begann ein weiterer außergewöhnlich langer Abschnitt in der Geschichte der Burg.


Die Familie Thurn und Taxis setzte nicht auf einen historisierenden Umbau, sondern auf Erhaltung. Dächer wurden erneuert, notwendige Sanierungen durchgeführt und sogar eine Trinkwasserleitung zur Burg gelegt. Vor allem aber blieb der mittelalterliche Charakter der Burg erhalten.


Seit 1813 befindet sich Reifenstein im Privatbesitz der Tiroler Grafenfamilie von Thurn und Taxis.


Reifenstein heute – keine Burgkulisse


Vielleicht liegt genau darin der besondere Reiz von Reifenstein.


Die Burg wirkt nicht wie eine nachträglich erschaffene Mittelalterkulisse. Ihre unebenen Wege, schmalen Durchgänge, alten Treppen, dunklen Räume und jahrhundertealten Holzausstattungen sind tatsächlich Teil ihrer Geschichte.


Das macht einen Besuch manchmal ein wenig unbequem, aber auch besonders. Reifenstein ist nicht barrierefrei und für den Weg durch die Anlage wird festes Schuhwerk empfohlen. Die Burg ist heute für Besucher zugänglich und kann besichtigt werden.


Unterhalb der Burg liegt das kleine St.-Zeno-Kirchlein, während auf der gegenüberliegenden Seite des Wipptals Burg Sprechenstein den Blick erwidert. Zusammen erinnern diese alten Anlagen daran, welche Bedeutung dieser Talabschnitt über viele Jahrhunderte besaß.


Warum Reifenstein so besonders ist


Fast ein Jahrtausend Geschichte liegt zwischen den ersten Mauern auf dem Burghügel und den Besuchern, die heute durch das Tor treten.


Bischöfe, Tiroler Landesfürsten, adelige Lehensherren, der Deutsche Orden und schließlich die Familie Thurn und Taxis haben hier ihre Spuren hinterlassen. Trotzdem wurde aus Reifenstein nie ein prunkvolles Schloss, das seine mittelalterliche Herkunft verstecken wollte.


Und vielleicht ist genau das ihr größter Schatz.


Burg Reifenstein muss das Mittelalter nicht nachspielen. Sie ist noch immer ein Stück davon.

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