Bozen
Geschichten aus Jahrhunderten, geschrieben auf alten Ansichtskarten
Rittner Bahn: Ein steiler Start ins Herz von Bozen
Ich halte eine alte Ansichtskarte in der Hand – und plötzlich rückt eine vergessene Linie wieder näher: Die Rittner Bahn startete einst unten in der Stadt, nicht nur oben am Berg.
14. August 1907, 07:16 Uhr. Der erste reguläre Zug rollt vom damaligen Rittnerbahnhof in Bozen los. Auf 4.251 Metern bis Maria Himmelfahrt frisst sich die Bahn über 4.099 Meter Zahnstange hinauf – mit bis zu 22 % Gefälle. Pionierarbeit, denn es ist die erste elektrische Zahnradbahn Tirols. Ab 29. Februar 1908 erreicht sie sogar den Waltherplatz, mitten in Waltherplatz – Technik trifft Stadtleben.
Mit dem Bau der Seilbahn endet das Kapitel: 13.07.1966 Personenverkehr, 15.09.1967 Güterverkehr – vorbei. Die Trasse wird rückgebaut; heute ist sie stellenweise begehbar, teils in die Landwirtschaft übergegangen oder vom Grün überwuchert. Wenn man weiß, wo man schaut, erkennt man noch die Linie – ein dünner Faden Geschichte zwischen Stadt und Ritten.
Das kommt noch: Der ausführliche Artikel mit Karten, historischen Fotos und kleinen Anekdoten folgt bald.

Waltherplatz Bozen – Bühne der Macht, Herz der Stadt
Wer heute über den Waltherplatz spaziert, erlebt eine gepflegte Piazza, elegante Fassaden, Cafés und den Dom in Griffweite.
Doch unter den Pflastersteinen dieses Platzes liegt ein Jahrhundertbuch.
Vom Weinberg zum Mittelpunkt der Stadt
Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts wuchsen hier Reben. Der Platz war kein Platz – sondern Weinland, im Besitz des bayerischen Königs Maximilian I.
1808 verkaufte der Monarch das Grundstück an die Stadt Bozen:
3000 Gulden, unter der Auflage, daraus einen repräsentativen Platz zu errichten.
Die Stadt hielt Wort. Der neue „Maximiliansplatz“ entstand – und sofort wurde er zur Bühne der Macht.
Ein Platz mit vielen Namen und vielen Ansprüchen
Kaum war der Platz fertig, begann sein Namensreigen:
- Maximiliansplatz
- später Johannesplatz, zu Ehren von Erzherzog Johann
- und schließlich Waltherplatz
1889 kam das Denkmal des berühmten Minnesängers Walther von der Vogelweide hinzu – aus rein weißem Laaser Marmor, geschaffen von Heinrich Natter.
Es war nicht nur Kunst, sondern eine politische Botschaft: ein deutsches Gegenstück zum kurz davor errichteten Dante-Denkmal in Trient.
Politik, Ideologie und Verschiebung
Nach dem Ersten Weltkrieg fiel Südtirol an Italien.
Das Walther-Denkmal passte den neuen Machthabern nicht.
1935 wurde es vom Platz entfernt – ein symbolischer Akt.
Walther musste auf den weniger prominenten Roseggerplatz ausweichen.
Der Waltherplatz blieb Bühne: Paraden, Propaganda, Aufmärsche – die Geschichte der Stadt spiegelte sich hier wie in einem Brennglas.
Rückkehr nach Jahrzehnten
Erst
1981 durfte die Statue wieder zurückkehren.
Nach zwei Weltkriegen.
Nach Faschismus und Widerstand.
Nach Autonomieverhandlungen.
Heute ist der Waltherplatz:
- der größte Platz in der Altstadt
- der zentrale Treffpunkt der Stadt
- und das Herz des gesellschaftlichen Lebens
Und mitten darauf steht Walther wieder – ruhig, aufmerksam und mit Blick auf den Dom.
Wer sich Zeit nimmt, erkennt, dass dieser Platz nicht nur ein schöner Ort ist.
Er ist ein Stück Südtiroler Identität.
Ein Platz, der alles gesehen hat – und immer noch da steht.
Die Kohlerer Seilbahn Bozen: 1908 als Pionier gestartet – heute eine kurze Zeitreise mit Aussicht. Fakten, Geschichte...Klicke jetzt mal vorbei...

Reichrieglerhof – das verschwundene Grandhotel am Ende der Guntschnapromenade
Man spaziert heute gemütlich am Guntschnahang entlang, lässt den Blick über Bozen schweifen – und ahnt kaum, dass hier oben einmal ein Haus stand, das für Jahrzehnte als eine der besten Adressen der Stadt galt: der Reichrieglerhof (auch Reichsrieglerhof, italienisch Castel Guncina).
Ein Hotel, das nicht einfach „irgendwo“ lag, sondern an einem Ort, der wie gemacht war für das Lebensgefühl der damaligen Zeit: Licht, Luft, Aussicht – und dieses besondere „Kurort-Flair“, das Gries und Bozen Anfang des 20. Jahrhunderts ausstrahlten.
Ein Heiligabend mit Adel: die Eröffnung 1910
Dass der Reichrieglerhof am 24. Dezember 1910 eröffnet wurde, klingt heute fast wie eine Filmszene: Heiligabend – und statt stiller Nacht ein Festakt mit großem Auftritt. Zur Einweihung kamen Gäste aus den höfischen Kreisen Europas, Adelsprominenz aus Deutschland, Österreich, Russland und Ungarn war dabei. Der Reichrieglerhof wurde als Schmuckstück des damaligen Kurorts präsentiert – ein Ort, der zeigen sollte, wie mondän Bozen und Gries sein konnten.
Über viele Jahrzehnte blieb das nicht nur ein schönes Versprechen: Der Reichrieglerhof zählte lange zu den ersten Adressen in und um Bozen. Wer Rang, Namen oder schlicht den Wunsch nach besonderen Tagen hatte, kannte diesen Platz.
Flanieren mit Geschichte: die Guntschnapromenade
Noch heute führt eine der schönsten Spazierstrecken der Gegend genau dorthin, wo einst das Hotel lag: die Guntschnapromenade. Früher trug sie einen klangvollen Namen – Erzherzog-Heinrichs-Promenade – und war nicht nur Weg, sondern Bühne: zum Sehen-und-Gesehen-Werden, zum Flanieren, zum Durchatmen.
Am Reichrieglerhof endet diese Promenade. Das ist mehr als ein geografischer Punkt: Es ist ein kleiner „Schlussakkord“ einer Zeit, in der Spaziergänge eine eigene Kultur waren – mit Aussichtspunkten, Gesprächen, Pausen, dem langsamen Rhythmus des Urlaubs.
Die Guntschnabahn: komfortabel hinauf zum Sonnenhang
Wo heute viele zu Fuß unterwegs sind, gelangte man damals auch bequem nach oben: In der Nähe lag die Bergstation der Guntschnabahn. Allein dieser Hinweis lässt erahnen, wie stark der Hang touristisch und gesellschaftlich erschlossen war. Bahn, Promenade, Aussichtshotel – das war ein Gesamterlebnis, das perfekt zur Idee des Kurorts passte: Erholung sollte leicht sein, stilvoll, ohne Mühe.
Vom Wahrzeichen zum Verschwinden
Und dann kommt der Bruch, der bei solchen Geschichten immer ein bisschen wehtut: 1998 wurde das Hotel fast vollständig abgerissen.
Mit einem Schlag verschwand ein Ort, der für viele Jahrzehnte zum Bild des Guntschnabergs gehörte – und mit ihm ein Stück Bozner Erinnerungskultur.
Was bleibt, ist die Landschaft. Die Wege. Die Aussicht. Und das Wissen, dass an diesem Punkt einmal ein Haus stand, in dem die großen und kleinen Geschichten einer ganzen Epoche vorbeizogen: Festtage, Sommerfrischen, elegante Ankünfte, Abschiede, neue Pläne.
Was man heute noch „sehen“ kann
Auch wenn der Reichrieglerhof selbst nicht mehr da ist: Wer die Guntschnapromenade geht, kann sich mit etwas Fantasie erstaunlich viel zurückholen.
Achtet auf den Rhythmus des Weges, auf die Blickachsen Richtung Stadt, auf das Gefühl, dass dieser Hang bewusst als
Ort des Genusses und der Ruhe gestaltet wurde. Und plötzlich wird aus einem Spaziergang eine kleine Zeitreise.
Die Virglbahn in Bozen: Als die Stadt eine „Bergbahn“
mitten im Zentrum hatte...
Man steht in Bozen, schaut Richtung Virgl – und ahnt nicht, dass hier einmal eine der spektakulärsten Stadtkulissen Südtirols in Bewegung war: Eine Standseilbahn, die in wenigen Minuten vom Talboden hinauf zur Virglwarte kletterte. Kein alpiner Pass, kein abgelegener Berg – sondern Bozen selbst, mit einer Bahn, die Freizeit, Technik und Zeitgeist auf engstem Raum verband.
Ein Ausflugsziel mit Panorama – und eine Bahn als Statement
Der Virgl war schon um 1900 ein beliebter Aussichtspunkt: nah am Zentrum, aber mit weitem Blick über Eisack- und Etschtal. Um dieses Naherholungsziel noch attraktiver zu machen, wurde die Virglbahn geplant – als direkte Verbindung zur Virglwarte (Restaurant/Hotel am Virgl).
Am 20. November 1907 wurde sie eröffnet. Bozen war damit um eine Attraktion reicher, die hervorragend zur damaligen „Belle-Époque“-Lust am Ausflügen, Flanieren und Staunen passte.
Klein in der Länge, groß im Eindruck
Die Virglbahn war technisch alles andere als „klein“:
- 342 Meter Strecke
- 196 Meter Höhenunterschied
- bis zu 70 % Steigung
Gerade diese extreme Steillage machte die Trasse so auffällig – inklusive der markanten Viaduktbögen an der steilen Berglehne, die bis heute das Stadtbild prägen.
Wer dahinterstand: Ingenieurskunst aus Bozen und Zürich
Geplant wurde die Standseilbahn von Emil Strub (Zürich) und dem Bozner Ingenieur Erwin Schwarz. Ausgeführt wurde der Bau u. a. von Guschelbauer & Marek sowie den Rollschen Eisenwerken Bern – ein Hinweis darauf, welchen Stellenwert man dem Projekt gab.
Das abrupte Ende im Krieg
Die Idylle hielt nicht ewig: 1943 endete der Betrieb. Der Grund lag in den Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg – die Nähe zur Brennerbahn und zum Bahnhof Bozen machte die Anlagen verwundbar. Der untere Teil wurde schwer beschädigt, die Bahn danach nicht mehr wieder in Betrieb genommen.
Nachfolgerin in der Luft: Die Virgl-Seilbahn (1957–1976)
Bozens Virgl blieb trotzdem ein Thema: In der Nachkriegszeit entstand als Nachfolgerin eine Seilbahn, die den Virgl zwischen 1957 und 1976 erschloss. Doch auch sie verschwand wieder aus dem Alltag der Stadt.
Was heute geblieben ist: ein Unikat unter Denkmalschutz
Das eigentlich Faszinierende: Teile der historischen Trasse sind noch vorhanden – vor allem die steinernen Abschnitte und die charakteristischen Viaduktbögen. Seit 2021 steht die erhaltene Trasse unter Denkmalschutz. In der Begründung heißt es sinngemäß: ein außergewöhnliches Beispiel historischer Bautechnik, im Originalzustand erhalten – ein Stück Mobilitätsgeschichte, das man sprichwörtlich „am Hang“ ablesen kann.



