Kaltern auf alten Ansichtskarten

Kaltern: ein Ort, der durch Lage, Wege und Wein groß wurde.


Kaltern im Jahre 1908

Kaltern: Wo Wein seit Jahrtausenden Geschichte erzählt

Wer heute durch Kaltern an der Weinstraße spaziert, sieht auf den ersten Blick ein charmantes Weindorf: gepflegte Gassen, Ansitze mit Erkern, Rebhänge bis zum Horizont. Doch eigentlich läuft man hier über ein Geschichtsbuch – Seite für Seite, Schicht für Schicht. Denn Kaltern ist nicht einfach „ein Ort mit Wein“. Kaltern ist ein Ort, der durch Wein, Lage und Wege geworden ist, was er heute ist.

Kalterns älteste Kapitel: Spuren aus der Steinzeit – und Trauben aus der Eisenzeit

Schon lange bevor es Urkunden, Kirchenbücher oder Weinetiketten gab, war die Gegend rund um Kaltern ein begehrter Lebensraum. An den Montiggler Seen belegen Fundstellen eine Nutzung bereits in der Mittelsteinzeit – mit Nachweisen vom frühen bis späten Mesolithikum (8.–6. Jahrtausend v. Chr.).

Und dann wird es für Weinfreunde besonders spannend: In Kaltern wurden Traubensamenfunde aus der Eisenzeit als Hinweis auf frühen Rebenbezug interpretiert – also lange vor dem römischen Einfluss, der den Weinbau später systematisierte. 
Kurz gesagt:
Der Wein war hier nicht „Mode“, sondern Heimat.

Die Lage macht Geschichte: Kaltern zwischen Talroute und Pass

Kaltern liegt im Überetsch – und damit in einer Landschaft, die seit jeher „funktioniert“: mildes Klima, fruchtbare Böden, gute Wasserverfügbarkeit und vor allem die Nähe zu wichtigen Nord-Süd-Verbindungen. Wer von Süden ins Etschtal kam, wer weiter Richtung Pässe wollte, wer Handel trieb oder Herrschaft sicherte, kam an diesem Raum kaum vorbei. Genau solche Lagen sorgen dafür, dass Orte nicht nur entstehen, sondern bedeutend werden.

Mittelalter: Kirche, Burg und der Moment, in dem „Kaltern“ auf Wein trifft

Im Mittelalter verdichtet sich Kalterns Geschichte zu dem, was man heute noch sehen kann: Macht, Glaube, Besitz – und Wein als Ware.

Kirchliche Strahlkraft: Laut Kalterns Zeitriss erhielt das Trientner Domkapitel 1147 die Pfarrei Maria Himmelfahrt „zum Geschenk“.

 Gleichzeitig wird die Pfarre in Darstellungen zur Pfarrkirche als früh belegt beschrieben (u. a. Erwähnung 1191), und es wird auch eine spätere formale Einverleibung ins Domkapitel genannt (1352). 
Das klingt nach Details – ist aber typisch für historische Institutionen:
Rechte, Zuständigkeiten und Besitzverhältnisse wurden über Jahrhunderte angepasst, bestätigt und neu geordnet.

Leuchtenburg – die Wächterin über dem See: Hoch über dem Kalterer See thront die Leuchtenburg. Ihre Entstehung wird häufig in den Zeitraum um 1200–1250 gelegt; sie ist urkundlich u. a. ab 1286 belegt und gilt als markantes Symbol der Region.

Und dann gibt es diesen kleinen Satz, der Großes verrät: „vinum de Caldaro“ – Wein aus Kaltern – taucht bereits 1220 urkundlich auf. 
Ab diesem Moment ist klar: Kaltern war nicht nur Weinbaugebiet, sondern
Weinname.

Renaissance & Barock im Überetsch: Ansitze, Erker – und diese typischen Doppelbogenfenster

Wer Kaltern heute besucht, merkt schnell: Hier hat jemand „schön bauen“ ernst genommen. Im 16. und 17. Jahrhundert prägten adelige und wohlhabende Familien das Ortsbild mit Ansitzen im Überetscher Stil (auch Eppaner Stil genannt). Typisch sind unter anderem Erker, Freitreppen, zinnenbewehrte Mauern – und die berühmten Doppelbogenfenster.

Tipp fürs Auge: Beim Spaziergang lohnt es sich, nicht nur „schön“ zu finden, sondern zu „lesen“:

  • Doppelbogenfenster = Status und Stilbewusstsein
  • Innenhöfe & Loggien = mediterraner Einfluss
  • Erker & Portale = Repräsentation, nicht Zufall

1903: Eine Bahn macht Tempo – und Kaltern wird Urlaubsort

Ein echter Wendepunkt in Richtung moderner Besucherwelt ist die Mendelbahn. Sie wurde am 19. Oktober 1903 eröffnet und war bei der Eröffnung ein technisches Ausrufezeichen: lange Strecke, enorme Steigung, elektrischer Betrieb.

Ein paar Zahlen, die man sich merkt:

  • 2,37 km Streckenlänge
  • 854 m Höhendifferenz
  • bis 64 % maximale Steigung

Damit wurde die Mendel „näher“ – und Kaltern noch attraktiver als Ausgangspunkt: für Luftkur, Sommerfrische, Ausflüge und später für den großen Aufschwung im Tourismus.

Kaltern heute: Marktgemeinde, Weinkompetenz und lebendige Tradition

Heute ist Kaltern eine der prägenden Gemeinden an der Südtiroler Weinstraße – mit einem klaren Profil zwischen Tradition und Gegenwart.

Fakten auf einen Blick:

  • Einwohner: 8.107 (Stand 31.12.2022)

Fläche: 47,96 km²

Weinbaufläche: 727,21 ha (Gemeindeangabe)

Kaltern wird zudem als Weingemeinde mit rund 760 ha Weinbauflächen beschrieben (je nach Zählweise/Quelle).

Und wer verstehen will, warum Kaltern mehr ist als Kulisse, geht ins Südtiroler Weinmuseum: gegründet 1955 (als frühes Weinmuseum südlich der Alpen), zunächst auf Schloss Ringberg beheimatet und später ins Dorfzentrum verlegt; die Neueröffnung am Standort im Ortskern wird mit den späten 1980er-Jahren beschrieben. Mini-Zeitreise-Idee: Kaltern in 3 Stationen „lesen“

Wenn du Kaltern nicht nur „anschauen“, sondern wirklich erleben willst, probiere diese Abfolge:

  1. Marktplatz & Pfarrkirche Maria Himmelfahrt – hier spürt man, wie stark Kirche und Gemeindeleben den Ort über Jahrhunderte geprägt haben.
  2. Ansitze im Ortskern – halte bewusst nach Doppelbogenfenstern, Innenhöfen, Loggien Ausschau: Architektur als Visitenkarte einer Epoche.
  3. Leuchtenburg oder Mendelbahn – entweder mittelalterliches Panorama (Leuchtenburg) oder Technikgeschichte (Mendelbahn).


Kaltern belohnt Neugier. Denn je mehr man über die Zeitlinien weiß, desto intensiver schmeckt der Ort – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.


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