Die Seiseralm auf alten Ansichtskarten
Seiser Alm und Seis am Schlern – wo die Landschaft Geschichte atmet
Es gibt Landschaften, die beeindrucken. Und es gibt Landschaften, bei denen man das Gefühl hat, sie schon immer zu kennen.
Die Seiser Alm gehört für mich zu diesen Orten. Vielleicht liegt es am Schlern, der wie eine gewaltige steinerne Kulisse über den Wiesen thront. Vielleicht liegt es an dieser unglaublichen Weite. Oder an den kleinen Schwaigen, Wegen und Holzzäunen, die sich zwischen grünen Hängen, Wald und Fels beinahe verlieren.
Doch wer die Seiser Alm nur als wunderschönes Wandergebiet betrachtet, sieht nur ihre jüngste Geschichte. Denn hinter dieser scheinbar friedlichen Landschaft liegen Jahrhunderte harter Arbeit, alte Besitzrechte, beschwerliche Almwege, frühe Sommerfrischler und schließlich der Aufstieg zu einem der bekanntesten Feriengebiete Südtirols.
Und unten, am Fuß des Schlern, liegt Seis, ein Dorf, das über Jahrhunderte eng mit der Alm verbunden war und heute ihr Tor zur Welt bildet.
Eine Alm von gewaltiger Größe!
Mit rund 56 Quadratkilometern gilt die Seiser Alm als die größte Hochalm Europas. Sie erstreckt sich in einer Höhe von etwa 1.800 bis 2.300 Metern. Ihre unverwechselbare Bergkulisse wird von Schlern, Langkofel und Plattkofel gebildet. Der Schlern selbst erreicht am Petz eine Höhe von 2.563 Metern und gehört längst zu den Wahrzeichen Südtirols. In dem Gebiet wurden rund 800 Blüten- und Farnpflanzen gezählt. Große Teile der Landschaft stehen unter Schutz, denn die Alm ist mit dem Naturpark Schlern-Rosengarten und dem Dolomiten-UNESCO-Welterbe verbunden.
Wer heute über die Alm wandert, erlebt deshalb etwas Merkwürdiges: Obwohl jährlich unzählige Menschen hierherkommen, gibt es immer noch Stellen, an denen plötzlich nichts mehr wichtig scheint. Ein Weg, ein paar verstreute Hütten, das Geräusch einer Kuhglocke und dahinter die fast übermächtigen Dolomiten.
Gerade dieser Gegensatz macht die Seiser Alm aus: eine sanfte Landschaft vor schroffem Fels.
Doch diese Wiesen sind keineswegs nur ein Geschenk der Natur. Sie sind auch eine Kulturlandschaft, die durch Generationen von Menschen geschaffen und erhalten wurde.
Lange bevor die ersten Urlauber kamen,
Menschen kamen schon sehr früh auf die Hochfläche. Funde von Pfeilspitzen deuten darauf hin, dass die Seiser Alm bereits in der Steinzeit als sommerliches Jagdgebiet genutzt wurde. In römischer Zeit und während der Völkerwanderung entstanden vor allem in den tieferen Gebieten rund um die Alm dauerhaftere Siedlungen. Erst im Hochmittelalter wurde die Hochfläche stärker wirtschaftlich genutzt. Wälder wurden gerodet, Wiesen und Weiden angelegt und Nutzungsrechte zwischen Adel, Grundherren und bäuerlichen Gemeinschaften geregelt. Zu den Nutzungsberechtigten gehörte sogar Oswald von Wolkenstein.
Um 1600 muss im Sommer bereits ein reges Leben auf der Alm geherrscht haben.
Eine historische Beschreibung nennt rund 400 Heustadel und 100 Käsehütten, die über die Alm verteilt gewesen sein sollen. Demnach wurden etwa 1.500 Kühe und mehr als 800 Ochsen auf die Hochweiden getrieben. Außerdem wurden riesige Mengen Heu eingebracht, die später mit Schlitten ins Tal transportiert wurden.
Das verändert den Blick auf die scheinbar so idyllischen alten Bilder.
Denn hinter jeder Schwaige und jedem Heustadel steckte harte Arbeit. Die Wege hinauf waren steil. Ochsen zogen Karren, Maultiere trugen Lasten und vieles mussten die Menschen selbst in Körben oder Kraxen hinauf- und wieder hinuntertragen. Von Seis und Kastelruth aus führten sogar gepflasterte Ochsenwege auf die Alm.
Die Seiser Alm war damals kein Freizeitgebiet.
Sie war Arbeitsplatz, Vorratskammer und Lebensgrundlage.
Dann kamen die Fremden.
Im 19. Jahrhundert änderte sich der Blick auf die Berge langsam.
Was für die Bauern ein Wirtschaftsraum war, wurde für Städter zunehmend zu einem Sehnsuchtsort. Botaniker und Naturforscher begeisterten sich für die außergewöhnliche Pflanzenwelt, Bergsteiger für die Dolomiten und wohlhabende Reisende für die Sommerfrische.
Ein entscheidender Schritt für den Tourismus in Südtirol war die Eröffnung der Brennerbahn im Jahr 1867, durch die die zuvor schwer erreichbare Bergwelt für Reisende aus Wien, München, Berlin und anderen europäischen Städten erheblich näher rückte.
Für das Schlerngebiet war insbesondere das Jahr 1887 von großer Bedeutung. Unter der Leitung des Ingenieurs Josef Riehl wurde die neue Fahrstraße von Waidbruck hinauf nach Kastelruth gebaut. Damit wurde auch Seis wesentlich leichter erreichbar. Was zuvor eine mühsame Anreise bedeutet hatte, ließ sich nun mit Kutschen bewältigen. Die Straße wurde zu einem wichtigen Motor des aufkommenden Fremdenverkehrs.
Nun kamen Gäste nicht mehr nur zum Arbeiten, Handeln oder Pilgern.
Sie kamen, weil es hier schön war.
Dieser heute selbstverständliche Gedanke war damals fast revolutionär.

Seis – das Dorf unter dem Schlern
Wer von der Seiser Alm spricht, sollte deshalb auch über Seis am Schlern sprechen.
Der Ort liegt rund 1.000 Meter hoch zwischen Kastelruth und Völs, unmittelbar unter dem Schlernmassiv. Der Ort ist viel älter, als es sein Ruf als Ferienort vermuten lässt. Bereits zwischen 982 und 988 wird er in einer Urkunde als „Siusis“ erwähnt.
Über Jahrhunderte war Seis ein bäuerlich und handwerklich geprägtes Dorf. Mühlen und Sägen nutzten die Wasserkraft, daneben gab es unter anderem eine Gerberei und eine Lodenwalkerei.
Betrachtet man alte Ansichten von Seis, so sieht man deshalb häufig eine Welt, die mit dem heutigen Ferienort nur noch teilweise vergleichbar ist: unbefestigte Wege, Wiesen, die direkt an die Häuser grenzen, einzelne Höfe und immer wieder der Schlern im Hintergrund.
Er ist auf diesen Bildern nicht einfach Hintergrund.
Er gehört zum Dorf.
Bad Ratzes – Heilung unter dem Schlern
Zur frühen Geschichte des Fremdenverkehrs gehört auch ein besonderer Ort oberhalb von Seis: Bad Ratzes.
Um 1723 errichtete der junge Wundarzt und Bader Anton Schedler dort eine Badeanstalt. Für Heilbehandlungen wurden eine Eisen- und eine Schwefelquelle genutzt. Der eigentliche Badebetrieb überdauerte mehr als zwei Jahrhunderte und wurde 1938 endgültig eingestellt. Seit den 1950er-Jahren wird das Haus ausschließlich als Hotel genutzt.
Damit war die Gegend um Seis schon lange ein Ort der Erholung, bevor der Begriff „Wellnessurlaub” überhaupt existierte.
Die Menschen kamen wegen des Wassers, der Luft und der Landschaft.
Manches verändert sich eben weniger, als man denkt.
Burgen, Sänger und Geschichten
Auch kulturell hat Seis viel zu bieten.
Im Wald oberhalb des Dorfes befinden sich die Ruinen von Hauenstein und Salegg. Hauenstein wurde bereits im 12. Jahrhundert errichtet und später erweitert. Die Burg ist eng mit Oswald von Wolkenstein verbunden, einem der außergewöhnlichsten Dichter und Musiker des späten Mittelalters.
Solche Orte haben natürlich ihre Sagen hervorgebracht. So wird von unterirdischen Gängen zwischen den Burgen erzählt, von geheimnisvollen Stimmen und von den berühmten Schlernhexen, die bis heute zur Sagenwelt der Region gehören.
Gerade das gefällt mir an dieser Gegend: Geschichte und Sage liegen oft nah beieinander.

Auch das Dorf selbst begann sich zu verändern.
Mit den Gästen veränderte sich Seis.
Die kleine Maria-Hilf-Kirche, die 1648 im Dorfzentrum errichtet und 1657 geweiht wurde, diente lange als Gotteshaus und später als Pfarrkirche. Mit dem Wachstum des Ortes reichte sie schließlich nicht mehr aus. 1937 begann man mit dem Bau der heutigen Heilig-Kreuz-Kirche, die 1950 geweiht wurde.
Solche Veränderungen lassen sich auf alten Ansichtskarten besonders gut nachvollziehen. Häuser entstehen, Straßen werden breiter, Hotels tauchen auf, Wiesen verschwinden – und trotzdem bleibt die Silhouette des Schlern als Orientierungspunkt bestehen.
Gerade deshalb sind historische Postkarten hier so wertvoll. Sie zeigen nicht nur, wie Seis einmal aussah, sondern auch, wie sich ein bäuerliches Dorf innerhalb kurzer Zeit in einen bekannten Urlaubsort verwandelte.
Vom Sommerfrische-Ort zum Wintersportgebiet
Zunächst war die Region vor allem im Sommer gefragt.
Wandern, die gute Luft und das Bergsteigen lockten die Gäste. Um 1900 wurde die Seiser Alm jedoch bereits von den ersten Skifahrern entdeckt – lange bevor es überhaupt Lifte gab. Die Skier wurden auf dem Rücken hinaufgetragen und erst auf Schnee kamen Felle zum Einsatz.
Im Winter 1938/39 ging schließlich mit der „Slittovia Joch-Panorama” die erste ausschließlich für den Skibetrieb verwendete Liftanlage auf der Seiser Alm in Betrieb. 1940 folgte ein Skilift und 1949 der erste Sessellift. Damit begann ein völlig neues Kapitel.
Aus einer Alm, auf der seit Jahrhunderten Vieh geweidet und Heu eingebracht wurde, entstand ein bedeutendes Wintersportgebiet.
Und trotzdem verschwand die Landwirtschaft nicht.
Bis heute liegen Weidewirtschaft, Almhütten und Tourismus unmittelbar nebeneinander. Genau darin steckt ein großer Teil des besonderen Charakters dieser Landschaft.
Seis heute – das Tor zur Alm
Für viele Besucher ist Seis heute der Ausgangspunkt ihres Erlebnisses Seiser Alm. Von der Talstation aus bringt die moderne Umlaufbahn ihre Fahrgäste in etwa 15 Minuten hinauf zur Hochfläche.
Das ist ein bemerkenswerter Gedanke.
Wo Menschen einst mit schweren Lasten über Ochsenwege stiegen und später Urlauber mit Kutschen anreisten, schwebt man heute bequem über den Wald hinauf.
Die Entfernung ist dieselbe geblieben.
Nur die Zeit hat sich verändert.
Und dann steht man dort oben ...
Vielleicht ist das der Grund, weshalb mich die Seiser Alm immer wieder fasziniert.
Man kann ihre Geschichte kennen, die Jahreszahlen, die alten Wege und die Entwicklung des Tourismus. Man kann historische Ansichtskarten nebeneinanderlegen und staunen, wie sehr sich manche Stellen verändert haben.
Und plötzlich steht man selbst dort.
Vor einem liegen die Wiesen, dahinter erhebt sich der Schlern. Am Horizont stehen Langkofel und Plattkofel. Irgendwo führt ein Weg zu einer alten Schwaige.
Für einen kurzen Moment spielen hundert Jahre mehr oder weniger keine Rolle.
Denn manche Landschaften verändern sich und bleiben doch dieselben.
Die Seiser Alm ist für mich genau so ein Ort. Seis gehört untrennbar zu ihrer Geschichte: als Dorf am Fuße des Berges, als Ausgangspunkt alter Wege und als Verbindung zwischen dem Leben im Tal und der großen, weiten Landschaft darüber.
Vielleicht liegt darin ihr eigentlicher Zauber.
Wenn man auf die Seiser Alm hinauffährt, nimmt man jedes Mal ein kleines Stück davon wieder mit ins Tal.




