„Der Pragser Wildsee auf alten Ansichtskarten“
Pragser Wildsee (Lago di Braies) – warum dieser See schon auf alten Karten „funktioniert“
Es gibt Orte, die wirken, als hätten sie
ihr eigenes Licht. Der
Pragser Wildsee im Pragser Tal ist so einer: ein Bergsee auf rund
1.494 m, eingerahmt von dunklen Wäldern – und darüber der
Seekofel wie eine steinerne Kulisse.
Kein Wunder, dass genau dieser Blick seit über 100 Jahren auf
Ansichtskarten landet: klare Linien, Spiegelungen, ein natürlicher Bildrahmen – und je nach Jahreszeit eine völlig andere Stimmung.
Die Fakten, die man „mit dem Auge“ unterschätzt
Der See wirkt oft kleiner, als er ist. Tatsächlich hat er eine Wasserfläche von rund
31 Hektar und ist im Schnitt etwa
17 m, maximal
36 m tief.
Sein Zu- und Abfluss ist der
Pragser Bach, und er liegt im
Naturpark Fanes-Sennes-Prags – als geschütztes
Naturdenkmal.

Wie er entstanden ist – kein „Gletschersee-Klischee“
Der Ursprung ist geologisch richtig spannend: Der Pragser Wildsee entstand durch einen
natürlichen Staudamm, der nach einem
Murenabgang das Wasser aufstaute.
Sprich: Der See ist nicht einfach „da“, sondern das Ergebnis eines dramatischen Landschaftsereignisses – Dolomiten pur.
Der Seekofel: der stille Star im Hintergrund
Auf vielen historischen Motiven ist er der eigentliche Hauptdarsteller: der
Seekofel (2.810 m), der den See optisch dominiert.
Wenn du alte Karten vergleichst, merkst du schnell: Die Perspektiven sind oft so gewählt, dass der Seekofel
wie eine natürliche Krone über dem Wasser sitzt.
Der Name taucht früh auf
„Pragser Wildsee“ ist nicht erst eine Erfindung der Tourismuszeit: In einer Grenzbeschreibung des Landgerichts Welsberg wird der See bereits 1501 urkundlich fassbar.

Hotel Pragser Wildsee – vom Blockhaus zum Grandhotel am Ufer
Das Hotel Pragser Wildsee ist nicht nur die bekannteste Unterkunft am See – es ist ein Stück Südtiroler Tourismusgeschichte in Stein und Holz. Der Pragser Wildsee gelangte 1856 in den Besitz der Familie Hellenstainer. Was zunächst wie ein privates Naturidyll wirkt, wurde bald zu einem Ausflugsziel, das sich langsam – aber konsequent – entwickelte.
Der erste Schritt war überraschend schlicht: 1890 entstand am Ufer ein Blockhaus, in dem Bier, Wein und Schwarzbrot verkauft wurden. Kurz darauf folgten Gaststätte und Fremdenzimmer – die frühe „Infrastruktur“ für Sommergäste, lange bevor Massentourismus ein Thema war.
1897–1899: Der große Wurf am See
1897 beauftragte Eduard Hellenstainer den Bau eines Hotels und gewann dafür den angesehenen Wiener Architekten Otto Schmid. Am 10. Juli 1899 wurde das Haus eröffnet – direkt am Ufer, monumental vor der Bergkulisse und bewusst mit lokalen Materialien umgesetzt.
Belle Époque mit Technik von morgen
Schon früh galt das Hotel als modern: Es verfügte über Strom und Licht aus eigenem Elektrizitätswerk, eine Bäckerei im Haus, Post- und Telegrafenstation, regelmäßigen Omnibusverkehr zu den Bahnlinien – und als „Krönung“ einen Lift mit Liftboy. Selbst an Foto-Fans wurde gedacht: Es gab eine Dunkelkammer für die damaligen Fotoamateure. Das sprach sich herum, und das Grandhotel war rasch ausgebucht. Auch baulich wuchs es: 1902 wurde erstmals angebaut, 1929 ein weiteres Mal.
Kaiserliche Sommerfrische und prominente Gäste
Mit dem Ruf des Hauses kamen auch hochrangige Besucher: So reiste
1906 Erzherzogin Marie Valerie (jüngste Tochter von Kaiser Franz Joseph) an,
1908 folgte
Erzherzog Franz Salvator. Sogar
Thronfolger Franz Ferdinand erschien am Pragser Wildsee.
Laut Hotelchronik blieb Franz Ferdinand 1910 mit Familie länger als geplant – aus drei Wochen wurden fünf, und für die Urlaubsgesellschaft wurde ein ganzes Stockwerk reserviert.
Ein Ort der Zeitgeschichte: April/Mai 1945
Ein besonders bewegendes Kapitel spielt in den letzten Kriegstagen: Ende April 1945 wurden 139 prominente Häftlinge aus dem KZ Dachau nach Südtirol gebracht und schließlich im Hotel Pragser Wildsee untergebracht. Ihre SS-Bewachung wurde durch einen Wehrmachtstrupp ersetzt; am 4. Mai 1945 befreiten US-Einheiten die Geiseln.
Heute ist das Hotel am Pragser Wildsee damit nicht nur ein Fotomotiv, sondern auch ein Ort, an dem man – wenn man hinschaut – Geschichte sehen kann.


