Die Marmolada auf alten Ansichtskarten
Marmolada – ein alter Blick auf die Königin der Dolomiten
Eine Ansichtskarte vom Bindelweg erzählt von Bergsehnsucht, mutigen Aufstiegen, einer Stadt im Eis und einer sich verändernden Landschaft.
Der Blick bleibt zunächst an den hellen Schnee- und Eisflächen hängen. Dann wandert er weiter zu den tief eingeschnittenen Felswänden, den warm gefärbten Gipfeln und den grünen Hängen im Vordergrund. Über allem liegt ein blasser, fast türkisfarbener Himmel. Oben auf dieser alten Ansichtskarte steht „Marmolata vom Bindelweg“. Eine knappe Beschriftung für eine Bergwelt, vor der man wohl auch damals erst einmal stehen geblieben ist.
Die Karte hat einiges hinter sich: Abrieb, Knicke und kleine Beschädigungen der Oberfläche sind sichtbar. Links unten kleben zwei grüne österreichische Briefmarken zu jeweils 60 Kronen, kopfstehend auf der Bildseite. Auf der Rückseite steht die Adresse in Erfurt, Thüringen, darunter der Vermerk „Deutsches Reich“. Der Wiener Poststempel lässt sich als Abschlag von 1923 lesen. Damit ist der Versand zeitlich einzuordnen, während die Aufnahme und der Druck älter sein können. Ob der Absender selbst auf dem Bindelweg unterwegs war, verrät der Stempel jedoch nicht.

Auch die kleinen Druckvermerke lohnen einen Blick. Die Angabe „J. Werth, Photograph, Olang” verweist auf Josef Werth, der mit seinen Fotografien und Ansichtskarten zahlreiche Motive aus der Region festhielt. Vergleichbare Karten sind beispielsweise in der Sammlung der Universität von San Diego dokumentiert. Hinzu kommt der Aufdruck „Photochrom C. Lampe, Innsbruck, 1023”. Auf diesem kleinen Stück Papier begegnen sich somit ein Fotograf aus dem Pustertal, ein Innsbrucker Herstellungsvermerk und ein Empfänger in Deutschland.
Die Bezeichnung „Photochrom” erklärt den besonderen Reiz der Farben: Solche Bilder entstanden durch ein Druckverfahren, das fotografische Vorlagen mit Farblithografie verband. Das Rosa der Felsen und das Blau des Himmels tragen deshalb auch die Handschrift dieses Verfahrens. Die Karte bewahrt eine historische Ansicht und vermittelt zugleich eine Vorstellung davon, wie schön die Dolomiten aussehen. Gerade diese Mischung macht sie für mich so reizvoll.
Die Marmolada, auf Deutsch traditionell auch Marmolata genannt, liegt zwischen dem Trentino und der Provinz Belluno. Ihr höchster Gipfel, die Punta Penia, erreicht 3.343 Meter. Damit ist sie der höchste Berg der Dolomiten und trägt ihren Beinamen „Königin der Dolomiten“ durchaus zu Recht. An ihrer Nordseite liegt der größte Gletscher des Gebirges; auf der Südseite fällt eine gewaltige, beinahe tausend Meter hohe Wand ins Ombrettatal ab. Seit 2009 gehört das Marmolada-Teilgebiet zum UNESCO-Weltnaturerbe Dolomiten.
Ihre Geschichte beginnt allerdings lange vor den ersten Wanderern. In der Trias entstand hier eine von Meeresorganismen aufgebaute Riffinsel. Vulkanische Ablagerungen überdeckten sie später; die Alpenbildung hob und verformte die Gesteine. Eine Besonderheit: Das Marmolada-Massiv besteht überwiegend aus Kalkstein. Die für viele andere Dolomitenberge typische Umwandlung zu Dolomitgestein blieb hier weitgehend aus. Wer auf diese Felswände schaut, sieht also die Überreste einer uralten Meereslandschaft hoch über den Tälern.
Auch der auf der Karte verzeichnete Aussichtspunkt hat seine ganz eigene Geschichte. Der Bindelweg verbindet das Gebiet des Pordoijochs mit dem Fedaiapass und verläuft entlang der Hänge gegenüber der Marmolada. Sein ladinischer Name „Viel del Pan” bedeutet „Brotweg”. Früher transportierten Händler aus dem Bellunesischen hier Mehl ins Fassatal. Bei diesem Namen muss ich unwillkürlich an die Menschen denken, die ihre Lasten über die Berge bringen mussten, lange bevor sich Gäste für die Aussicht begeisterten.
Der deutsche Name erinnert an Karl Bindel, Gymnasialprofessor und treibende Kraft der Alpenvereinssektion Bamberg bei der Erschließung der Dolomiten. In der Sektionschronik wird der nach ihm benannte Höhenweg im Jahr 1903 erwähnt, als Wege, Markierungen und Schutzhütten entstanden, die das Reisen in dieser Landschaft erleichterten. Auf der Postkarte steht davon nur ein einziges Wort: „Bindelweg”. Kennt man seine Geschichte, bekommt auch die unscheinbare rote Bildunterschrift plötzlich Gewicht.
Zu dieser Erschließung gehörten die großen Gipfelbesteigungen des 19. Jahrhunderts. Am 28. September 1864 erreichte der Wiener Alpinist Paul Grohmann gemeinsam mit den Bergführern Angelo und Fulgenzio Dimai die Punta Penia. Diese Besteigung gilt als die erste gesicherte Besteigung des höchsten Marmolada-Gipfels. Auf der Karte wirken die hellen Flächen beinahe sanft. Für eine Seilschaft bedeuteten sie jedoch einen Weg durch eine hochalpine Welt aus Eis, Spalten und Fels.
Eine weitere bemerkenswerte Geschichte gehört Beatrice Tomasson. Am 1. Juli 1901 gelang der Engländerin mit den Bergführern Michele Bettega und Bortolo Zagonel die erste Durchsteigung der Südwand zur Punta Penia. Die drei gerieten dabei in Schneesturm und Steinschlag. Tomassons Name verdient einen festen Platz in der Geschichte dieses Berges. Später schrieben hier unter anderem Reinhold Messner, Heinz Mariacher und Luisa Iovane weitere Kapitel der Klettergeschichte. Hinter dem friedlichen Ansichtskartenmotiv steckt auch eine Wand, an der Generationen von Bergsteigern ihre Grenzen ausloteten.
Dann kam der Erste Weltkrieg. Von 1915 bis 1917 wurde die Marmolada zum Frontgebiet zwischen italienischen und österreichisch-ungarischen Truppen. Besonders ab 1916 verfestigte sich der Kampf um Gipfel, Scharten und Stellungen. Die Soldaten mussten Munition und Lebensmittel in große Höhen bringen und dort lange Winter überstehen. Kälte, Schnee und Lawinen bestimmten ihren Alltag ebenso wie der Beschuss. Es fällt schwer, diese Wirklichkeit mit den freundlichen Farben der Karte zusammenzubringen.
Unter der Oberfläche des Gletschers entstand eine der ungewöhnlichsten Anlagen dieses Gebirgskrieges: die „Eisstadt“. Der österreichisch-ungarische Leutnant und Ingenieur Leo Handl entwickelte 1916 die Idee, den Gletscher als geschützten Verbindungs- und Aufenthaltsraum zu nutzen. Ein kilometerlanges Netz aus Stollen verband Unterkünfte und Versorgungsräume. Es gab Schlafplätze, Vorratslager, eine Krankenstation und sogar eine Kapelle. Über den Köpfen der Männer lag jenes Eis, das auf Ansichtskarten so hell und unbeschwert erscheint.
Wie gefährlich das Leben am Berg war, zeigte sich am 13. Dezember 1916, als eine gewaltige Lawine das österreichische Lager am Gran Poz zerstörte. In der Chronik des Marmolada-Kriegsmuseums sind etwa 300 Tote verzeichnet. Heute erinnern das Museum „Marmolada Grande Guerra 3000 m” und die historischen Stellungen bei Serauta an die Menschen, die hier kämpften. Betrachtet man die Karte und kennt diese Geschichte, schaut man anders auf die Hänge und das Eis.
Nach dem Krieg entwickelte sich der Tourismus weiter. Ein entscheidender Schritt war die Inbetriebnahme der Seilbahn von Malga Ciapèla am 30. Juli 1967. Sie erschloss die Höhenwelt auch Menschen, die den langen Aufstieg aus eigener Kraft kaum hätten bewältigen können. Für die umliegenden Dörfer war damit die Hoffnung auf Arbeit und bessere Lebensbedingungen verbunden. Der Blick auf die Marmolada wurde Teil einer wachsenden Urlaubswelt aus Bergbahnen, Hütten, Skisport und Ausflügen.
Beim Betrachten einer solchen Karte fällt heute besonders das Eis auf. Forschende der Universität Padua berechneten für 2022 die Fläche des Hauptgletschers mit 112 Hektar. In ihrer Mitteilung vom August 2023 beschrieben sie eine Entwicklung hin zu weniger als einem Quadratkilometer, was etwa der Hälfte der Fläche um das Jahr 2000 entspricht. Der starke Rückgang ist somit durch Messungen belegt. Aus dieser kolorierten Ansicht allein lässt er sich jedoch nicht beziffern. Aufnahmezeit, Schneelage, Blickwinkel und die farbliche Bearbeitung beeinflussen, was wir sehen.
Am 3. Juli 2022 forderte ein großer Eisabbruch an der Marmolada elf Menschenleben. Eine im Jahr 2025 veröffentlichte Untersuchung beschrieb das Zusammenwirken mehrerer Faktoren, darunter außergewöhnliche Wärme, Schmelzwasser unter Druck und die Beschaffenheit des Untergrunds. Auch im Jahr 2026 wurden weitere Bereiche des Gletschers mit Georadar und Drohnen untersucht. Hinter diesen Forschungen steht das Bemühen, die Veränderungen im Inneren des Eises besser zu verstehen. Die Marmolada bleibt ein eindrucksvoller Berg und ein Ort, an dem der Wandel des Hochgebirges sehr konkret wird.
Am Ende kehre ich mit meinem Blick zu den beiden grünen Briefmarken und der Handschrift zurück. Jemand hat diese Karte ausgewählt, beschrieben und auf den Weg nach Erfurt gebracht. Welche Gedanken dabei durch den Kopf gingen, werden wir wohl nicht mehr erfahren. Geblieben ist ein Bild, das zum genauen Hinschauen einlädt: die Schönheit der Berge, die Menschen in ihrer Geschichte und die Veränderungen, die ein Menschenleben umfassen können.




